Das wissen die Wenigsten: Damit den Arztpraxen alljährlich im Herbst der aktuelle Grippe-Impfstoff zur Verfügung gestellt werden kann, braucht es – Eier. Genauer: Hühnereier. Und zwar Abermillionen. An dem Verfahren hat sich seit mehr als 70 Jahren nichts geändert: Die Eier dienen als natürliche Brutreaktoren, in die die Virenstämme zunächst hinein injiziert und später dann abgetötet werden, berichtet die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) in ihrer Ausgabe 53/2016. Auf diese Weise erhalten die Wissenschaftler die so genannten Vakzine – unseren Grippe-Impfstoff.

Alle Jahre im Februar benennen Fachleute der Weltgesundheitsorganisation (WHO) drei bis vier Vieren-Typen, die in der kommenden Herbst- und Wintersaison voraussichtlich besonders häufig in der nördlichen Hemisphäre auftreten. Die Impfstämme für das Anzüchten stellt die WHO, die Eier stammen von privaten Hühnerfarmen. Nur ausgesuchte, vertraglich gebundene Produzenten kommen in Frage, da für die Eier strenge Hygiene-Maßstäbe gelten. Jährlich werden 500 Millionen Impfdosen weltweit hergestellt. Pro Dosis sind ein bis zwei Hühnereier erforderlich, so die FAZ.

Doch für das jahrzehntealte Herstellungsverfahren könnte es bald eine Alternative geben. Und zwar ohne Ei. So erforscht das Max-Planck-Institut für Dynamik komplexer technischer Systeme (MPI) in Magdeburg Bioreaktoren, die gänzlich ohne Hühnereier auskommen und zudem sehr viel effizienter arbeiten. Als Basis werde mit verschiedenen Zellen experimentiert, beispielsweise mit Zellen von Affen oder Moschus-Enten. In Bioreaktoren wachsen binnen von sechs bis acht Stunden Tausende von Grippeviren heran, die dann wiederum als Ausgangspunkt für weitere Zuchtketten dienen können. Abgesehen davon biete das neue Verfahren den Vorteil, dass es zu weniger unvorhergesehenen Veränderungen der Viren-Impfstämme komme und es entfalle die Gefahr einer allergischen Reaktion auf Hühnereiweiß, berichtet das Max-Planck-Institut in einer Erklärung.

Mit seiner Forschung liegt das Magdeburger MPI ganz auf der Linie der WHO, die seit Jahren schon fordert, die Impfstoffherstellung auf aktuelle Verfahren umzustellen. Noch aber sind die daraus gewonnenen Dosen teurer als die massenhaft traditionell produzierten Impfstoffe. Laut FAS basieren gegenwärtig noch 95 Prozent der weltweit angebotenen Impfdosen auf Hühnereiern.

 

Hinweis an unsere Leser:

Die Beiträge in der Rubrik "Neues aus Medizin und Forschung" sollen über interessante neue Ansätze und Studien in der medizinischen Grundlagenforschung berichten. Es handelt sich um ein Informationsangebot, auf welchem Gebiet derzeit international geforscht wird und welche Neuerungen in den kommenden Jahren möglicherweise in die tägliche Arbeit der Mediziner einziehen können. Die hier vorgestellten Forschungsansätze gehören nicht zum Leistungsspektrum der Hausarztpraxis Golm.

Redaktion dieses Beitrags: C.B.,