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Im Land der Gauchos

Argentinische Impressionen von Berit und Carsten Böttcher
Die Jahresausstellung 2018

 

Golm, Januar 2018. Argentinien also. Zu verdanken war die Reise in das Land der Gauchos letztendlich der Bauhaus-Universität Weimar. Der Sohn studiert dort Städteplanung, und zu den Gepflogenheiten dieses Studiengangs gehört es, sich für ein Semester, besser für ein Jahr an einer der Partnerhochschulen weltweit einzuschreiben. Lissabon kam zum Beispiel in Frage,  Stockholm, Hongkong. An Ende entschied sich Paul für Buenos Aires.

So manche Eltern kennen diese Situation: Einerseits freut man sich über die Chancen, die sich den Kindern eröffnen, andererseits sieht man Tochter oder Sohn nun für lange Zeit nicht mehr. Sicher, die Videotelefonie über Skype hilft ein wenig, ändert aber nichts daran, dass der Sohn ein Jahr auf der anderen Seite des Erdballs lebt. Die Einladung zum Besuch tröstet und wird gerne angenommen.

Argentinien also. Was fällt einem dazu spontan ein? Fußball, na klar: Messi, das WM-Finale 2014, aber auch argentinische Steaks, weite Ebenen und Gauchos. Nach einigem Überlegen der Falkland-Konflikt Anfang der 80er.

Nun also Argentinien ganz nah. Die Argentinier sind freundliche, hilfsbereite Menschen, in deren Adern das (spanische) Blut des Stolzes und der Leidenschaft fließt. Das Land wirkt bunt, europäisch und multikulturell. Das täuscht nicht. In den Einwandererjahren von 1880 bis 1930 kommen sechs Millionen Menschen in das Land – Italiener, Spanier, Franzosen, aber auch Chinesen und Koreaner. Und Deutsche. Die veranschaulichen, welche inneren Spannungen das Land auszuhalten hat: Erst kamen Juden, die vor dem Naziterror flohen, dann kamen Nazis, um sich vor den Alliierten zu verstecken. 

So wie die Deutschen haben auch die Argentinier bittere Erfahrungen mit Militärdiktatur, Staatsterror und Mord gemacht. Ein Trauma, das bis heute wirkt, wie beispielsweise die „Mütter vom Platz der Mairevolution“ zeigen. Die Frauen mit dem weißen Kopftuch als Symbol sind legendär. Anfangs waren es Mütter, die Auskunft über ihre verschollenen Kinder verlangten. Heute sind die „Madres de Plaza de Mayo“ eine wichtige Menschenrechtsorganisationen, die sich für die strafrechtliche Aufarbeitung der Gräuel einsetzt.

Wie bekommt man den Bogen von solch einem schweren Kapitel der argentinischen Geschichte zum bunten und lebensfrohen Argentinien heute? Am besten vielleicht über bunte Schlaglichter:

Die Argentinier sind gesellige Leute. Selbst unter der Woche sind die Restaurants voll. Ist alles besetzt, verhandelt man mit dem Kellner, wann man wiederkommt. Oder man wartet. Mitunter wird ein Stehtisch herausgebracht und man kann sich die Zeit beim Wein verkürzen. Das Abendmahl dauert bis in die Nacht.

Steaks. Die sind nicht nur richtig lecker, sondern auch richtig groß. Beim ersten Einkauf des Sohnes im Markt um die Ecke gab es ein Missverständnis. Der Fleischer brachte ihm eine Scheibe – vier Zentimeter stark und groß wie ein Kuchenteller. „Ich meinte eigentlich zwei Scheiben“, sagte Paul irritiert und hatte noch das europäische Steakmaß vor Augen. Der Fleischer lachte: „Ich dachte, du willst zwei Kilo.“ Und so lernte Paul, richtige Steaks zu braten.

Busse. Das Eisenbahnnetz in Argentinien ist schlecht ausgebaut. Dafür gibt es ein klasse Fernbussystem. 12 Stunden Fahrt sind normal. Super bequeme Sesselsitze, Kellner an Bord. Der Zentrale Busbahnhof in Berlin hat 27 überdachte Gates, der ZOB in Buenos Aires knapp 80.

Weite. Obwohl auf den Ebenen bis zum Horizont heute nicht mehr überall Rinderherden stehen, wird der Wert einer Fläche bis heute oft noch danach bemessen, wie viele Rinder hier weiden könnten.

Größe. Argentinien ist groß. Die Nord-Süd-Ausdehnung beträgt 3700 Kilometer. Das wäre etwa so, als flöge man von Berlin nach Kuweit. Als Inlandsflug wohlgemerkt. Tropische immergrüne Regenwälder gibt es im Norden, während vom eisigen Ushuaia auf Feuerland die Schiffe in die Antarktis starten.

Es gäbe noch vieles über dieses bunte, interessante, liebenswerte Land zu berichten.